Braucht die Wissenschaft mehr Marketing? #fwk2012

Vorweggenommener Disclaimer: Ich selbst habe zum diesjährigen Forum Wissenschaftskommunikation mit Oliver Tacke einen eigenen Beitrag zum Thema Open Science eingereicht, der es allerdings nicht in’s Programm geschafft hat.

Mir fällt es offen gestanden etwas schwer einen Rückblick zum diesjährigen Forum Wissenschaftskommunikation zu verfassen. Nicht, weil ich nicht auch in diesem Jahr wieder Bekannte und viele neue und nette Menschen kennengelernt hätte, und auch nicht, weil ich nicht auch viele interessante Gespräche geführt hätte. Vor allem fällt es mir schwer, weil all dies eigentlich nicht viel mit dem Inhalt dieser Veranstaltung zu tun hat.

Michael Sonnabend hat mein Gefühl mit seinem Tweet ganz gut auf den Punkt gebracht:

@staudner Eigentlich wie immer: Viele Gespräche, familiäre Atmo, wenige innovative Sessions … #fwk12— Michael Sonnabend (@earl_piggot) Dezember 5, 2012

Klar, ich habe nur einen Bruchteil der parallel stattfindenden Vorträge in den verschiedenen Sessions gesehen und entsprechend nur einen kleinen Teil der Diskussionen mitbekommen. In den von mir besuchten Sessions sind mir allerdings wieder einmal ein paar Dinge aufgestoßen aufgefallen:

Es gibt wenige Beiträge die zum Nachdenken anregen, stattdessen gibt es nach meinem Geschmack einfach zu viele Beiträge in denen sich viel zu sehr auf die eigenen Schultern geklopft wird, ob der vollbrachten Projekte. Die Chance diese Projekte im Kreise der Kolleginnen und Kollegen kritisch zu diskutieren wird (zumindest in den Sessions) oft vertan.

Wir diskutieren viel zu oft dieselben Fragen aus den selben Perspektiven, anstelle die Perspektive auch einmal zu wechseln. Ich besuche jetzt seit 2009 das Forum und jedes Jahr auf’s neue hört man Fragen à la “Wie viel Zeitaufwand soll ich für das Bloggen/Twittern/Facebooken einplanen?”, “Wie gehe ich mit kritischen Kommentaren um?”,  ”Wie sollte ich in 140 Zeichen Wissenschaft transportieren können?”, oder “Woher sollen wir die Ressourcen nehmen die es bräuchte, um xyz umzusetzen?”. All diese Fragen sind sicher richtig und wichtig, wenngleich manche davon etwas naiv formuliert sind. Wir müssen aber irgendwann aufhören diese Fragen immer und immer wieder zu stellen, und damit anfangen auch einmal Antworten darauf zu liefern. Vor allem müssen wir aber damit beginnen den  Antworten die uns bereits gegeben werden, zuzuhören. Vielleicht ist das Zuhören sogar das größte Problem der Wissenschaftskommunikation.

Es gibt im Jahr 2012 noch “Kommunikationsprofis” (ergo Personen die Kommunikation als ihre Profession sehen) die jetzt erst Blogs, Twitter, Facebook für sich entdecken, sich damit befassen, oder es gar noch immer nicht getan haben. Es gibt darüber hinaus noch immer professionelle Wissenschaftskommunikatoren die meinen, diese (nicht mehr so) neuen Medien seien nur etwas für Digital Natives und böten keine relevanten Kommunikationskanäle. Leider schafft es das Forum nicht das einzig richtige Signal in diese Richtung auszusenden: Beschäftigt Euch damit und tut es nicht einfach ab! Klar, nicht jeder muss jeden Kommunikationskanal, jedes Medium oder jedes soziale Netzwerk bespielen. Diese Dinge aber einfach mit der Mär Ausreden der Digital Natives und anderen Trübsinnigkeiten abzutun und sich gar nicht damit zu beschäftigen, ist m.E. der falsche Weg (insbesondere, wenn man seinen Beruf in der Kommunikation hat). Zugegebenermaßen ist es dabei nicht hilfreich, wenn der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbands der Deutschen Wissenschaft, Dr. Volker Meyer-Guckel, in der Abschlußdiskussion genau dies (das Abtun) tut, wenn er sinngemäß sagt, dass er Tweets für überflüssig hält.

Sicher, es gab auch Zeichen, die nach vorn zeigen und sogar dazu aufrufen selbst aktiver zu werden. Henning Krause warb dafür neue Formate in der Wissenschaftskommunikation auszuprobieren, zum Beispiel Podcasts oder TweetUps. Marco Trovatello legte ein engagiertes Wort für die Nutzung von Creative Commons Lizenzen in der Wissenschaftskommunikation ein. Und Marc Scheloske motivierte die Anwesenden mit den vorläufigen Ergebnissen seiner Twitter-Studie sich Twitter doch einmal genauer anzuschauen, da es sehr wohl das Potential birgt wissenschaftsrelevante Inhalte zu transportieren.

Den für mich wichtigsten Kommentar hörte ich aber von Florian Freistetter a.k.a. Astrodicticum - der ansonsten in der Abschlußdiskussion leider eher außer Acht gelassen wurde – zur Frage nach der Wichtigkeit der Wissenschaftskommunikation aus Sicht der Wissenschaftler. Florian merkte völlig nachvollziehbar an, dass es nicht wenige Wissenschaftler gäbe die nicht nur Spaß am Kommunizieren hätten, sondern dies auch noch können würden, dass es aber nur ein vergleichbar geringer Teil wirklich tun würde (und viele davon noch in ihrer Freizeit) solange die Wissenschaftskommunikation nicht in die Evaluation/Bewertung ihrer wissenschaftlichen Arbeit eingehen würde. Das ist nur allzu verständlich, denn wer tut schon etwas gern, das ihm nicht nur nicht anerkannt wird, sondern im Zweifel sogar noch im Wege steht und womöglich künftige Chancen verbaut?

Was folgt?

Was für ein Fazit kann ich daraus ziehen? Das Forum Wissenschaftskommunikation sollte muss provokanter werden, wenn es jemals an den Punkt kommen will in der Wissenschaftskommunikation wegweisende Akzente zu setzen. Das muss nicht gleich eine Kehrtwende bedeuten und an allen Stellen gleichzeitig passieren, aber es reicht m.E. nicht mehr einfach eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen, die Jahr für Jahr zum Großteil dieselben Themen im selben Tenor präsentiert. Wissenschaft im Dialog hat ja mit dem SciCamp bereits ein spannendes und innovativeres Veranstaltungsformat in petto. Und an dieser Stelle wurden schon Ideen für nächste SciCamps gesammelt – vielleicht sollte man mit dem Forum inhaltlich ebenso etwas mehr in diese Richtung tendieren. Oder verschreckt man sich dann die Mitglieder für die kommenden Jahre?

Ich werde sicher auch im nächsten Jahr wieder einen eigenen Vorschlag für eine Session einbringen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich die Veranstaltung noch einmal voll besuche. Wir werden sehen.

Für den WiD wünsche ich mir für das nächste Jahr ein wenig mehr Chuzpe in der Veranstaltungsorganisation, ein wenig mehr Mut im Selbstverständnis und ein wenig mehr Vorbildfunktion für die Innovation in der deutschen Wissenschaftskommunikation. Für dieses Jahr danke ich ihm aber trotz allem für seine Arbeit und die Organisation des Forums!

Um den Rahmen zu schließen: braucht die Wissenschaft also mehr Marketing? Vielleicht, die Frage wurde mir zumindest im diesjährigen Forum nicht beantwortet. In einer Sache bin ich mir aber ziemlich sicher: die Wissenschaftskommunikation braucht mehr Mut! Mehr Mut, um mit Spaß an der Sache auch mal neue Dinge auszuprobieren und nicht ständig gleich die Sinnfrage mit dem ROI im Hinterkopf zu stellen. Mehr Mut, um auch mal Dinge gegen den Wind innerhalb oder auch außerhalb der eigenen Organisation auszuprobieren. Und mehr Mut, um auf die Erkenntnis hinzuwirken, dass Wissenschaftskommunikation nicht nur Aufgabe einer zentralen Arbeitsstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ist, sondern immanente Aufgabe eines jeden Wissenschaftlers (wenn er es denn möchte), für die Raum und Zeit sein muss und die sich vor allem für den Wissenschaftler auch lohnen muss!

P.S.: Noch drei kleine Hinweise zu guter Letzt. Begleitende Blogbeiträge finden sich beim Kollegen Reiner Korbmann. Einen Einblick bekommt man auch über die beiden Hashtags zur Veranstaltung - #fkw2012 (offiziell) und #fwk12 (quasi “inoffiziell”).

Bildrechte: C. Rieken/WiD

Open Access als (Nischen)thema beim sogenannten Zukunftsdialog

Crosspost von www.offene-wissenschaft.de.

Die Ergebnisse des im Februar gestarteten Zukunftsdialogs der Kanzlerin liegt nun in einem Abschlussbericht vor, den die ehrenamtlich beteiligten Fachleute am 28. August im Kanzleramt vorgelegt haben (Abschlussbericht als PDF).

Im Kern ging es bei dieser politischen Veranstaltung um die drei großen Fragen “Wie wollen wir leben? Wovon wollen wir leben? Wie wollen wir lernen?”. Parallel zum Bürgerdialog fand bereits seit 2011 ein Expertendialog statt, der gemeinsam mit dem Bürgerdialog in konkrete Vorschläge zusammenfließen sollte.

Im Frühjahr 2011 initiierte Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Zukunftsdialog, der aus zwei Teilen bestand. Der erste Teil, der „Expertendialog“, war ein Zukunftsdialog mit unabhängigen, überparteilichen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis, der zweite ein Zukunftsdialog mit Bürgern, der „Bürgerdialog“. Unter der Überschrift „Dialog über Deutschlands Zukunft“ wurden drei Themenfelder diskutiert, die in den kommenden zehn Jahren hohe Relevanz für Deutschlands Zukunft haben. Ziel des Dialogs war es, konkrete Handlungsvorschläge für die Politik auf Bundesebene in politisch relevanten Handlungsfeldern zu erhalten.

 

Quelle: Screenshot
Bei dem Dialog über Deutschlands Zukunft ging es also vor allem auch darum die Bürger bei der Diskussion über die Zukunft Deutschlands teilhaben zu lassen und ihnen zumindest das Gefühl zu geben, sie könnten sich durch eigene Vorschläge an den Überlegungen der Bundesregierung beteiligen. Inwieweit die Vorschläge der Bürger zumindest einigermaßen gleichberechtigt berücksichtig werden konnten ist (zumindest mir) unklar, zumindest nach dem Passus im Abschlussbericht:

Parallel verfolgten wir den Online-Bürgerdialog und beteiligten uns durch den einen oder anderen Blogbeitrag. Natürlich konnten wir uns nicht alle 11.600 Vorschläge ansehen. Daher wurden sie vom Redaktionsteam des Bundespresseamtes von den reinen Meinungsäußerungen getrennt und uns dann nach Themen sortiert für unsere Beratungen zur Verfügung gestellt. Einige Arbeitsgruppen konnten sich hier neue Anregungen holen. Andere mussten feststellen, dass die Bürger ihre Themen anders interpretierten. Wieder andere fanden eine hohe Übereinstimmung der Schwerpunkte. Sofern es die Zeit der Experten und in den Arbeitsgruppen zuließ, wurden einzelne Vorschläge aufgenommen oder kommentiert.

Einige kleine Auswahl des Bürgerdialogs kann man sich zumindest auf den Seiten der Bundesregierung anschauen (PDF)
Interessant (besonders vor dem thematischen Fokus dieses Blogs) sind darüber hinaus die Expertenvorschläge, die ebenso als PDF vorliegen. In Vorschlag 24 heißt es darin:

Förderung des offenen, freien Zugangs („Open Access”) der Wissenschaft zu Daten und Informationen (z. B. Ergebnisse von Studien der Bundesregierung und der Verwaltung; Datenbanken zu wissenschaftlichen Ergebnissen oder Bildungsinhalten; Portal zu Innovationsprojekten).

Das ist ein hehrer Gedanke, wenn auch nur ein (wichtiger) Aspekt im Zuge einer begrüßenswerten Öffnung von Forschungs-, Bildungs-, Regierungs- und Verwaltungsprozessen. Das Konzept findet sich dann im Abschlussbericht, also dem “Ergebnisbericht der Expertinnen und Experten des Zukunftsdialogs der Bundeskanzlerin 2011/2012″ zumindest grundlegend wieder. Allerdings ist die Einordnung sowohl in der Kurzfassung (PDF), als auch in der Langfassung (PDF) etwas merkwürdig, denn hier ist von Open Access eigentlich nur hinsichtlich der Transparenz der Bundesbehörden die Rede, so könnte man zumindest schließen, wenn man sich die Einordnung unter dem Vorschlag 1 “Mehr Transparenz durch pro-aktive Veröffentlichungspflichten für Bundesbehörden und ein gemeinsames Informationsregister ” ansieht. Zumindest vom Text könnte man dann schließen, dass Open Access nicht nur auf eigene Publikationen, sondern auch auf alle Publikationen die aus öffentlichen Geldern finanziert sind, anwendbar wäre:

Vorhandene und mit öffentlichen Mitteln finanzierte Studien und Gutachten liefern vielfältige Expertise
und Impulse. Diese eignen sich auch für andere Arbeiten, die sich durchaus von dem ursprünglichen
Zweck der Erstellung unterscheiden, was jedoch bei Auftragsvergabe nicht vorhersehbar war. Im Sinne von Open Knowledge (Offenes Wissen) und Open Access (Freier Zugang) wäre es für die Bundesverwaltung konsequent, sämtliche in Auftrag gegebene Studien frei, also unbeschränkt und kostenlos im Internet zugänglich zu machen, solange diese keine schutzbedürftige Inhalte umfassen.

Auf weitere, oder ausführlichere Erwähnungen wartet man, wenn ich das richtig sehe, vergeblich. Selbst in dem recht ausführlichen, bildungsbezogenen Teil findet man leider keine Erwähnung, das einzige “offene” Konzept dieses Teils ist die Open University.

Wie man das nun deuten kann oder gar sollte, dürfte eine interessante Diskussionsgrundlage sein.

Die Flucht aus dem Elfenbeinturm, wie ich sie mir vorstelle

Da ich ja in der nächsten Woche das Vergnügen haben werde mit einigen sehr schlauen Köpfen zum Thema der Forschung und Lehre zum Mitmachen zu diskutieren, möchte ich im Vorfeld gern meinen Standpunkt festhalten, um zu sehen wie er sich in der Diskussion oder danach verändert.

Ich möchte das Thema allerdings etwas weiter halten und hier gern ein paar Punkte meiner Sicht zur Wissenschaft und Lehre zum Teilhaben darlegen. Warum diese Änderung? Ich verwende hier den Begriff Wissenschaft als etwas weiteren Begriff von Forschung – Wissenschaft dürfte ja im Kernverständnis sowohl Forschungs- als auch Lehreanteile enthalten – um den systemischen Aspekt von Forschung einzubeziehen. Forschung findet ja in weiten Teilen in einem eigens dafür geschaffenen System statt, z.B. in den wissenschaftlichen Institutionen und Organisationen, aber auch in Unternehmen. Ein zahlenmäßig kleinerer Anteil dürfte sogar außerhalb von solchen Systemen stattfinden, einfach weil Menschen den Drang haben, Dingen auf den Grund zu gehen. Ich benutze hier also Wissenschaft als einen weiterfassenden Systembegriff, um auch die damit einhergehenden Systemzwänge einzubeziehen. Des Weiteren möchte ich den Begriff Mitmachen auf Teilhaben erweitern, oder (je nach Blickwinkel) abschwächen. Für mich hat Mitmachen einen starken Fokus auf die aktive Beteiligung, in Kombination von Forschung und Lehre wäre ein Mitmachen die aktive Beteiligung an einem dieser beiden Prozesse, also ein Investieren an Zeit und Energie in die Mitgestaltung dieser Prozesse. Ich möchte den Begriff in diesem Text ein wenig erweitern, da ich für ein nichtelitäres, offenes Verständnis von Wissenschaft und Lehre glaube, das nicht immer ein aktives Mitmachen an einzelnen Prozessen vonnöten ist. Diese Möglichkeit sollte bestehen, für mich fängt das offene Verständnis von Wissenschaft und Lehre aber bereits da an, wo ich informativ an den darin stattfindenden Prozessen und den beteiligten Akteuren informativ Teilhaben kann. Teilhabe hat hier für mich also einen rezeptives Moment (die Möglichkeit an Informationen zu bekommen und die Prozesse transparent nachvollziehen zu können) und kann darüber hinaus auch ein aktives Moment haben (die Möglichkeit aktiv über Kommunikation oder Beteiligung an Arbeitsprozessen und Ergebnissen mitzumachen).

Genug der Vorrede, die ich bloß vorangestellt habe, um zu verdeutlichen, dass ich an dieser Stelle ein wenig mehr Punkte aufführen könnte, als in der oben erwähnten Diskussion auf der diesjährigen re:publica eine Rolle spielen. Darüber hinaus möchte ich noch anbringen, dass ich eine eher progressive (manche würden es vielleicht auch radikaler nennen) Ansicht hinsichtlich einer offenen Wissenschaft und Lehre innehabe, als viele andere Menschen. Ich war 5 Jahre im Wissenschaftssystem tätig und habe bei der Fraunhofer-Gesellschaft an der spannenden Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft gearbeitet. Auch weiterhin beschäftige ich mich bspw. an der Uni und im Rahmen meines Podcasts Explorism – Scientists in Progress mit der Wissenschaft als System (Raum für Forschung, Raum für Nildung, aber auch Arbeitgeber und Raum für Menschen). Sicher sind die Einblicke, die ich im Rahmen dieser Tätigkeiten in das Wissenschafts- und Lehrsystem erlangen konnte und werde nur marginal im Vergleich mit jenen, die seit 20 Jahren oder mehr in diesen Feldern tätig sind. Darüber hinaus ist mir klar, dass jedwede Tranparenz auch immer unter der Wahrung bestimmter Interessen der beteiligten Akteure betrachtet werden muss (Geheimnisrechte, Sicherheitsaskpekte, Zuwendungen von Verwertungsinteressenten, etc.), dem steht aber eine grundlegende Offenheit des Systems nicht entgegen. Ich erlaube mir hier also eine (an vielen Stellen sicher diskussionswürdige) Meinung zu haben, ganz einfach weil ich es kann und weil ich für diese Gesellschaftsbereiche genügend Faszination mitbringe, um mich eingehend mit ihnen zu beschäftigen.

Nun aber genug mit dem Vorgeplänkel. Ich möchte gern im Folgenden ein paar Standpunkte darlegen und bin im Nachgang zur Veranstaltung und den Diskussionen gespannt inwieweit ich eines Besseren belehrt werde. ;-)
Als Vorbereitung zu den nachfolgenden Punkten empfehle ich übrigens die Lektüre einiger Beiträge von Christian Spannagel zum Öffentlichen Wissenschaftler (hier und hier), von Oliver Tacke (hier und hier) und der P2PFoundation (hier). Was also bedeutet für mich also der Begriff einer Offenen Wissenschaft und Lehre, denen die Möglichkeit zur Teilhabe immanent sein soll?

Aspekte Offener Wissenschaft

Wiki Commons (CC BY-SA 3.0)

  • Die Wissenschaft (Institutionen, Organisationen, Personen) bietet einen offenen Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen (Open Access), der es jedermann erlaubt diese Ergebnisse entgeltfrei zu lesen, herunterzuladen oder zu verlinken. Dies gilt natürlich auf jeden Fall für solche Ergebnisse, die aus öffentlichen Geldern finanziert werden, wäre aber auch für alle anderen Ergebnisse wünschenswert (hier müsste man sicher über Modalitäten wie bspw. die Granularität der Darstellungstiefe nachdenken).
  • Im Sinne einer Open Access Strategie sollte die Wissenschaft den Nutzern (also der Öffentlichkeit) darüber hinaus z.B. über Freie Lizenzen eine weitere Nutzung bieten, die besonders für öffentlich finanzierte Forschung die Vervielfältigung, Verbreitung oder auch Bearbeitung der Dokumente (natürlich unter entsprechender Kennzeichnung) erlaubt.
  • Die Wissenschaft bietet einen offenen Zugang zu wissenschaftlichen Rohdaten und Tools (OS – Open Source / OD – Open Data), die wiederum unter einer bestimmten Lizenz zur Nach- und Weiternutzung zur Verfügung stehen. Dies erhöht zum einen die Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit wissenschaftlicher Arbeit, zum anderen ermöglicht sie aber auch Ansatzpunkte für weitere Forschung, alternative Forschungsrichtungen und nicht zuletzt auch Ansatzpunkte für die Wirtschaft.
  • Die Wissenschaft bietet der Öffentlichkeit eine offene Kommunikation hinsichtlich der in ihr stattfindenden wissenschaftlichen Arbeitsprozesse (Forschung) sowie der systeminternen Arbeitsprozesse (Verwaltung). Dieser Punkt ist immens wichtig, um einen transparenteren Einblick in die Wissenschaftswelt und das Wissenschaftssystem zu erlauben und Verständnis, aber auch Anreize in der Öffentlichkeit zu schaffen. Fragen wie Wie verlaufen wissenschaftliche Forschungsprozesse?, Wie werden wissenschaftliche Projekte auf den Weg gebracht?, Wer sind die Personen hinter den wissenschaftlichen Ergebnissen? oder Wie verläuft der Alltag in der Wissenschaft? offen zu beantworten, ist unter anderem auch immens wichtig, um den Nachwuchs für die Arbeit in der Wissenschaft zu begeistern. Damit einhergehend beinhaltet diese offene Kommunikation auch den vernünftigen und offenen Umgang mit so etwas wie dem Scheitern (das der Wissenschaft ja mit dem Falsifikationsprozess immanent ist).
  • Die Wissenschaft bietet einen offenen wissenschaftlichen Diskurs, der es Wissenschaftler z.B. erlaubt (sofern diese es wollen) ihre Ideen, Arbeitsmethoden und Ergebnisse offen z.B. im Netz zu diskutieren und so auch anderen Menschen die Möglichkeit geben am Forschungsprozess teilzuhaben und sich ggf. auch an der Lösung des Forschungsproblems zu beteiligen.
  • Die Wissenschaft bietet einen offenen (also nachvollziehbaren) Begutachtungsprozesse bei Publikationen sowie eine offene (also transparente) Behandlung von Forschungsantrags- und Förderungsvergabeverfahren.

Aspekte Offener Bildung und Lehre

  • Das Bildungssystem bietet einen freien Zugang zu Lern- und Lehrmaterialien (z.B. durch das zur Verfügung stellen von Open Educational Resources oder OpenCourseWare) und einen freien Zugang zu Lehrveranstaltungen (Offene Kurse z.B. in Form der Massive Open Online Courses). Durch dererlei Maßnahmen erhalten wir ein offenes Bildungssystem, dass nicht nur Wissen frei jenen zur Verfügung stellt, die sich im Bildungssystem integrieren, sondern auch jenen die (aus welchen Gründen auch immer) nicht integriert sind. Aus meiner Sicht ist Wissen und Bildung keine Hoheitsobjekt, sondern ein Kulturgut.
  • Das Lehrsystem, also Institutionen, Organisationen oder Personen mit Lehrauftrag bieten partizipative Lern- und Lehrmethoden (z.B. Lernen durch Lehren, Forschendes Lernen).
  • Das Lehrsystem stellt seine Lehre öffentlich zur Diskussion und öffnet sich einem Diskurs an dem alle Beteiligten (Lehrende und Lernende) eine gerechte und angemessene Chance auf Beteiligung zur Gestaltung von Lehre haben.

Zum Abschluß bleiben mir noch drei Dinge, die ich gern betonen möchte.

Zum ersten habe ich hier sicher Idealvorstellungen geschildert die nicht leicht umzusetzen sind und auch nicht 1:1 in die Wirklichkeit übernommen werden können. Bei vielen dieser Punkte muss man über eine Ausgestaltung nachdenken, Ideen diskutieren und gemeinsam mit den am Prozess Beteiligten an einer adäquaten Lösung und Umsetzung arbeiten. Hauptsache ist aber, dass man überhaupt erst einmal den Bedarf erkennt und anfängt darüber zu reden!

Zum zweiten möchte ich mich der Einschätzung von Christian Spannagel et al. anschließen: “Öffentliche Wissenschaftler [und Lehrende] müssen nicht alle Punkte umsetzen. Je nachdem, wie viele dieser Aspekte sie berücksichtigen, sind sie ‘mehr’ oder ‘weniger’ öffentlich. Wichtiger Punkt ist aber, dass nicht nur Produkte der wissenschaftlichen Tätigkeit veröffentlicht werden (das machen alle Wissenschaftler), sondern dass der Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens transparent wird.”

Und zum dritten und letzten möchte ich noch einen Appel loswerden, den ich bereits in meiner Nachbetrachtung zum letzten Forum Wissenschaftskommunikation äußerte. Dort habe ich es so formuliert: “Die Wissenschaftskommunikation hadert m.E. in den eigenen Prozessen mit einem der essentiellen Untersuchungsmethoden der Wissenschaft selbst – dem Experiment! Wo ist der Mut bei so vielen, einfach mal etwas auszuprobieren? Wo ist der Mut zu Scheitern, durch dieses Scheitern einem Erfolg aber wenigstens schrittweise näher zu kommen? Und wer sagt überhaupt, dass man Scheitern wird? Wo ist der Spaß???” Was ich damit sagen will, ist, dass wir bei allen kritischen Punkten die zu bedenken sind, nicht eine grundlegende Sache außer Acht lassen sollten: Laufen lernt man nur durch Laufen!

Ich freu mich auf Eure Eindrücke, Ideen und Diskussionen – entweder hier, oder noch lieber am 2. Mai ab 16Uhr auf der re:publica.

Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die re:publica 2012

re:publica 12Argh, die diesjährige re:publica naht mit großen Schritten (es sind nur noch 8 Tage) und mir fällt erst jetzt auch, dass ich noch gar nichts dazu verbloggt habe. Das ist in der Regel auch nicht schlimm, denn die vergangenen Jahre habe ich die Veranstaltung nur als Besucher frequentiert. In diesem Jahr wird sich das zumindest an einem Tag ändern.

Denn am Mittwoch, den 02. Mai um 16Uhr werde ich das große Vergnügen haben im Track re:learn mit Monika König, Oliver Tacke und Volkmar Langer die Session “Raus aus dem Elfenbeinturm! Forschung und Lehre zum Mitmachen” zu bestreiten; genauer gesagt, werde ich die Session moderieren. Ich freue mich natürlich darüber, dass Oliver den Vorschlag einer solchen Session eingebracht hat und ich mit den Herrschaften diskutieren darf.

Es ist übrigens jeder herzlich eingeladen mitzudiskutieren. Während der Session werde ich immer ein Auge auf Twitter haben (einen Hashtag geben wir noch bekannt) und für eine Diskussion vor und nach der Session hat Oliver eigens eine Wikiversity-Seite eingerichtet.

Ich freue mich auf angeregte Diskussionen zum Thema, aber auch abseits davon auf den ein oder anderen Schnack!

Lernen und Lehren mit Medien im Explorism-Podcast

Ich hatte gestern, nach einer leider viel zu langen Pause, die Chance eine neue Folge für den Explorism-Podcast aufzuzeichnen. Zu Gast war Sandra Hofhues mit der ich über ihren wissenschaftlichen Werdegang und ihre jetzige Tätigkeit sprechen konnte. Sandra ist “eLearning Activist and Researcher on Educational Media at Hamburg University of Applied Sciences” und ganz ihrem wissenschaftlichen Naturell nach geht es im Podcast vor allem um medienpädagogische Aspekte des Lernen und Lehrens. Ich wünsch’ Euch Spaß beim Hören.

Wer es noch nicht kennt – auch die erste Folge mit Oliver Tacke könnte sich lohnen. ;-)

Daten schaffen Verständnis, wenn man ihnen ein Gesicht gibt

Bild: "Locals and Tourists #2 (GTWA #1): New York" by Eric Fisher (@ flickr.com)

Datenauswertung ist ein sehr spannendes Thema, das mich seit vielen Jahren immer mal wieder umtreibt. Sei es beruflich im Kontext der Verarbeitung von Big Data - also solch großer Datenmengen die mit herkömmlichen Datenbanken und Datenbank-Management-Tools nicht mehr erschöpfend auswertbar sind – oder auch privat, wenn mir interessante Projekte im Bereich Datenjournalismus, Datenvisualisierung oder Infografiken über den Weg laufen.

Warum ist das Thema so spannend? Weil visualisierte Daten – egal ob als Infografik oder DataMap oder Chart – uns helfen können Sachverhalte besser zu verstehen, Zusammenhänge oder gänzlich neue Seiten eines Sachverhalts zu entdecken und sichtbar zu machen, oder gar Zugang zu einem uns sonst verschlossenen Thema zu eröffnen (nicht zuletzt durch den oftmals eher spielerischen Designansatz von Datenvisualisierungen). Einen Schritt weit ermöglichen uns visualisierte Daten eine einfachere, oder zumindest zugänglichere, Bewertung von Sachverhalten, seien sie auch noch so komplex.

An genau dieser Stelle spielt das Thema Datenvisualisierung auch in der Wissenschaft eine Rolle. Der Arbeitsschritt der wie auch immer gearteten Datenauswertung ist ein dem Wissenschaftssystem immanenter Schritt. Die Datenvisualisierung ist ebenso schon seit jeher ein Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeitsweise, sie kann jedoch auch außerhalb des Wissenschaftssystems einen merklichen Stellenwert erringen. Nicht zuletzt ermöglichen uns visualisierte Daten eine recht leicht verständliche Form des wissenschaftlichen Storytellings. Damit schaffen sie für die interessierte Öffentlichkeit einen relativ niederschwelligen Zugang zu wissenschaftlichen Themen, zu Forschung und zu komplexen Sachverhalten. Im Zuge einer Diskussion um Open Access in der Wissenschaft (also dem freien Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen die durch öffentliche Gelder finanziert wurden) bietet der Datenjournalismus eine exzellente Form des Zugangs und des Verständnisses für die Öffentlichkeit zu diesen Ergebnissen.

Welch großartige Geschichten sich erzählen lassen, kann man schon an einigen Beispielen sehen (Hans Roslin sei hier nur einmal genannt) und erfreulicherweise sind mehr und mehr Wissenschaftsorganisationen dazu bereit Offene Daten zur Verfügung zu stellen (z.B. die NASA, Helmholtz Gemeinschaft). Wir dürfen also gespannt sein.

Hör- und Sehempfehlung

Ich selbst kann ja nicht verhehlen, dass ich großer Fan von Podcasts und Vodcasts bin und kann an dieser Stelle meine themenbezogene Empfehlung für die Datenschau aussprechen. Die “…gemütliche Internetsendung rund um Visualisierungen von Daten, Informationsarchitektur, Gamification, neue Formen des Onlinejournalismus und den ganzen Rest” widmet sich in (leider recht großen, aber) regelmäßigen Abständen eben jenen Themen. Der Mix aus Podcast und Vodcasts funktioniert meines Erachtens recht gut und verspricht in Kombination mit ein bißchen mehr Fokus auf bestimmte Hauptthemen wirklich ein spannendes Format zu werden. Was ich mir persönlich wünschen würde, habe ich dem Team (Anna Lena Schiller, Philip Banse, Lorenz Matzat, Marcus Bösch) schon in die Kommentare zur Folge 3 geschrieben.

Neben der Datenschau möchte ich auch noch dieses Video von Geoff McGhee (Stanford University) empfehlen, der den Einfluss von Datenvisualisierung auf den Journalismus audiovisuell aufarbeitet.

Leseempfehlung

Wer sich etwas weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, dem kann ich ein paar erste Anlaufstellen empfehlen:

Digitale Medien im Promotionsprozess

Digitale Medien sind sicher – zumindest in meinem Leben – immer für eine Ablenkung gut; Prokrastination hört sich an der Stelle immer so böse an. ;-) Aber digitale Medien können sicher noch viel mehr als meinen Drang nach Eskapismus zu bedienen, eventuell sind sie sogar äußerst nützlich. In der Tat sind die Angebote, die ich beispielsweise nutze, viel mehr als nur Entertainment für mich. Mittlerweile sind Tools der digitalen Medien für mich unerlässlich als Informationszugang, Newsversorgung und Kontaktschnittstelle zu anderen Menschen. Und hilfreich sind sie sicher auf für andere, z.B. Doktoranden.

Sandra Hofhues, mittlerweile wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HAW Hamburg in der Fakultät für Wirtschaft und Soziales beschäftigt sich derzeit in einem Projekt mit dem Einsatz digitaler Medien im Promotionsprozess und führt aktuell eine Befragung dazu durch, die Doktoranden aller Fachrichtungen hier unterstützen können.

Geplant ist ein zweistufiges Vorgehen. Nach Abschluss der ersten Befragung wird sich daher ein unabhängiges Abfragefeld öffnen, in dem man E-Mail-Adressen eingeben kann.

Hier findet sich doch bestimmt jemand, der gewillt ist 10min für die Forschung zu “opfern”? Danke für die Unterstützung!

Wissenschaft im Zukunftsdialog

Die Möglichkeiten zur direkten Beteiligung an Abstimmungsprozessen (oder, seltener, an Entscheidungsprozessen) findet man mittlerweile recht häufig, auch in Deutschland. Selbst die deutsche Politik hat das Thema für sich entdeckt und es finden sich vielfältige Angebote – angefangen bei Bürgerhaushalten, über externe Angebote wie Abgeordnetenwatch.de, parteizentrierte Plattformen (z.B. Liquid Feedback der Piraten) und Youtube-Fragen an die Kanzlerin, bis hin zum neuen Zukunftsdialog der Bundesregierung. Bei nicht allen Angeboten ist immer gleich klar, welchen Sinn und Zweck dahinterstehen und ob wirklich Ergebnisse am Ende des Aufwands stehen, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Bei dem kürzlich gestarteten Dialog über Deutschlands Zukunft geht es vor allem darum die Bürger bei der Diskussion über die Zukunft Deutschlands teilhaben zu lassen und ihnen zumindest das Gefühl zu geben, sie könnten sich durch eigene Vorschläge an den Überlegungen der Bundesregierung beteiligen. Im Bundesregierungssprech klingt das dann so:

Mit dem Zukunftsdialog hat die Bundeskanzlerin eine neue Art von Beteiligung geschaffen, wie sie in Deutschland bislang noch nicht stattgefunden hat. Es geht um eine neue Kultur des Zuhörens und eine neue Form des Dialogs. Der Zukunftsdialog ist ein Experiment, das stark auf den Prozess des gemeinsamen Arbeitens und Diskutierens setzt, Fehler bewusst zulässt und vor allem eines im Blick hat: das Hinzulernen. Konsenspapiere und klassische Kommissionsberichte sind nicht vorgesehen.

Auch bei diesem Experiment werden wir sehen, wohin die Sache führt, denn bisher sind sowohl die eingereichten Vorschläge, als auch die Bewertungen der Vorschläge zahlenmäßig noch verhalten, wenn auch nicht desillusionierend wenig (derzeit gibt es in den 3 Themenfeldern knapp unter 2900 Vorschläge). Davon aber einmal abgesehen, möchte ich an dieser Stelle besonders auf zwei Vorschläge im Wissenschaftskontext hinweisen und darum bitten diese zu unterstützen:

ScienceBlogger Christian Reinboth hat bereits sehr früh Vorschläge eingebracht und fordert:

Ihr könnt diese Vorschläge unterstützen, leider nur indem Ihr Eure Stimme dafür abgebt oder/und kommentiert. Bisher haben die Vorschläge übrigens 1405 und 814 Stimmen. Zu letzterem Vorschlag und der Arbeitssituation der Nachwuchswissenschaftler kann ich übrigens die kürzlich erschienenen Text von Florian Freistetter und Markus Dahlem empfehlen.

Parallel zum Bürgerdialog findet übrigens bereits seit 2011 ein Expertendialog statt, der gemeinsam mit dem Bürgerdialog in konkrete Vorschläge zusammenfließen soll.

Quelle: Screenshot

Shakehands, aber keine Kratzspuren am Prüfstein

Wie sich ja recht eindeutig aus meinen Tweets in der letzten Woche erkennen lassen konnte, war ich von Dienstag bis Donnerstag beim Forum Wissenschaftskommunikation des WiD in Köln zugegen. Das Forum hatte sich unter dem Titel “Zwischen den Stühlen: Wissenschaftskommunikation im Spannungsfeld von Politik, Gesellschaft und Wissenschaft” vorgenommen, der Frage nachzugehen “…in welchen Spannungsfeldern Wissenschaftskommunikation stattfindet, wie sie von verschiedenen Gruppen beeinflusst wird und wie die Wissenschaftskommunikatoren dieser Situation begegnen.”

Es wurde von den Teilnehmern des Forums – darunter Wissenschaftsjournalisten, Presse-Referenten, Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit in Wissenschaftsorganisationen, Hochschulen und Messen, aber auch Wissenschaftler - sogar versucht in Plenarvorträgen, Sessions und Diskussionen Antworten auf diese Frage zu geben. Die Qualität bzw. die Art und Weise dieser Antworten war für mich persönlich aber großteils erschreckend. Denn mein persönlicher Eindruck war, nachdem ich das Forum 2010 ausgelassen hatte, dass nach wie vor über dieselben Dinge in der selben Art und Weise diskutiert wurde. Ich will gar nicht allzu sehr ins Detail der einzelnen Vorträge gehen, vieles wurde auch schon bei Kollegen geschrieben, einige Punkte will ich aber doch kurz festhalten.

Es war erschreckend zu sehen, dass für viele Wissenschaftskommunikatoren das Web 2.0 in all seinen Ausprägungen (twitternde Wissenschaftler, twitternde Kommunikatoren, Wissenschaftsblogs, Wissenschaftsorganisationen bei Facebook, u.v.m.) noch immer Neuland, zumindest aber noch eine Randerscheinung ist. An der Stelle fiel mir vermehrt auf, dass an nicht wenigen Stellen noch immer die Mär vom gravierenden Unterschied zwischen Digital Natives, Digital Residents und Digital Visitors gesprochen wird. Das allerdings ist für mich unbegreiflich und sorry, aber es klingt leider wie eine Entschuldigung dafür sich nicht tiefergehend mit den (nun wahrlich nicht mehr neuen) “Neuen Medien” zu beschäftigen. Es ist für mich ein Rätsel, wie die Kommunikation im Web 2.0 noch immer als eine Art „Kür der Wissenschaftskommunikation“ verstanden und auch so vertreten wird. Es fällt mir schwer zu glauben, dass sich professionelle Kommunikatoren noch immer hinter dem Ammenmärchen um die Digital Natives verstecken. An dieser Stelle kann ich nur eines verdeutlichen: liebe Kommunikationsprofis, es ist Zeit aufzuwachen! Das Web 2.0 wird nicht mehr weggehen, wenngleich es vielleicht auch nicht immer in den jetzt existenten Formen da sein wird. Und mal ehrlich: ist es nicht unsere Aufgabe als Kommunikationsprofis genau die vermeintlichen Unterschiede zwischen Digital Natives/Residents/Visitors zu überwinden???

Sicher, an dieser Stelle muss man sich immer auch die Frage stellen, ob man den Dialog überhaupt möchte, wie man ihn abbilden kann, wie man den Aufwand betreiben kann und welchen Wert das ganze für die jeweilige Organisation hat (zumindest abseits solcher “weichen” Werte wie Image, Nachwuchsansprache, etc.). Klar, diese Fragen sind großteils noch unbeantwortet, zumindest wenn man die Fragen mehr als nur durch das eigene Bauchgefühl beantwortet wissen will. Gerade dann verstehe ich aber nicht, warum wir uns seit dem ersten Forum vor einigen Jahren jedes Jahr auf’s Neue diese Fragen stellen ohne sie je so richtig zu beantworten? Ich glaube die prägendste, oder zumindest die deutlichste und ehrlichste Einschätzung dazu habe ich von Thomas Gazlig gehört, der klarstellte, dass wir aufhören müssen stets neue Konzepte auf den Tisch zu legen und über (dann doch nicht umgesetzte) Ideen zu diskutieren, sondern dass wir die bestehenden Konzepte und Ideen auf den Prüfstein stellen müssen. Da kann ich ihm nur beipflichten, denn nur im Abrieb durch die reale Umsetzung wird sich zeigen, welche Konzepte tauglich sind und welche Ideen weiter formbar. Ja, ich bin mir bewusst, dass genau das der schwierigste Schritt im Prozess einer modernen Wissenschaftskommunikation ist. Sicher sind die Hürden sehr hoch in der schwierigen Argumentation gegenüber den Verantwortlichen in den Organisationen hinsichtlich der Fragen zur Überprüfbarkeit der Ergebnisse und der Umsetzung des enormen Aufwands. Und dass auch die Argumentation gegenüber vieler Wissenschaftler einiges an Aufwand bedeuten könnte, haben wir u.a. an den Vorträgen von Prof. Ferdi Schüth und Dr. Kathrin Rübberdt gesehen, die beide eher sehr zurückhaltend (um nicht zu sagen konservativ) davon sprachen, was sich Wissenschaftler in der Wissenschaftskommunikation erhoffen würden und was man Wissenschaftlern im Kommunikationsprozess zumuten dürfte. Eine sehr treffende Aussage brachte Schüth, der meinte, dass man nach Watzlawik zwar nicht nicht kommunizieren könnte, dass Wissenschaftler dies aber durchaus manchmal versuchen würden. Aber auch hier beklagen wir uns schon viel zu lange darüber wie schwierig die Umsetzung und die Rechtfertigung sei, anstelle es Schritt für Schritt zu versuchen. Die Wissenschaftskommunikation hadert m.E. in den eigenen Prozessen mit einem der essentiellen Untersuchungsmethoden der Wissenschaft selbst – dem Experiment! Wo ist der Mut bei so vielen, einfach mal etwas auszuprobieren? Wo ist der Mut zu Scheitern, durch dieses Scheitern einem Erfolg aber wenigstens schrittweise näher zu kommen? Und wer sagt überhaupt, dass man Scheitern wird? Wo ist der Spaß???

Wir sind natürlich noch einige große Schritte davon entfernt effektive Kommunikationsprozess für das Web 2.0 entwickelt zu haben, die a) funktioniere, b) den Aufwand für alle erträglich halten und c) dann auch noch übertragbar sind und als Best Practice für eine „breitere Masse“ an Wissenschaftskommunikatoren adaptierbar sind. Ich frage mich allerdings, warum wir seit vielen Jahren dieselben Vorträge über Wissenschaftskommunikation (meist in der Ausprägung von „Kommunikation mit den Medien über Wissenschaft“) und ihre Eigenschaften (die meist grundlegende journalistische Eigenschaften à la Authentizität, Wahrhaftigkeit, etc. sind und damit von allen gekannt werden sollten) hören, anstelle sinnvolle Ideen zu diskutieren wie man interne Prozesse in Wissenschaftsorganisationen so entwickelt, dass sie sowohl dem Wissenschaftskommunikator, als auch dem Wissenschaftler in seinen Ansprüchen gerecht werden?

Und so verwundert es mich auch nicht, dass Michael Sonnabend (der ja auch als Mitglied der Programmkommission fungierte) in seinem Fazit zum Forum darüber nachdenkt, wie man das Format des Forums verändern und verbessern kann, um ein paar gehaltvolle Antworten auf die gestellten und schon so oft diskutierten Fragen zu erhalten. Ich selbst bin mir nicht sicher wie man den Schritt in diese Richtung innerhalb der Veranstaltungsreihe anstoßen könnte. Vielleicht muss man sich, wie es Michael ja auch formuliert, noch mehr vom Frontalvortrag verabschieden. Vielleicht muss man weniger CfP’s bedienen, als vielmehr Geschichten aus der Praxis heranzuziehen? Vielleicht muss man aber auch kleinere Teile des großen Oberthemas Wissenschaftskommunikation einzeln betrachten, z.B. „interne Kommunikationsprozesse als ‘Enabler’ einer Wissenschaftskommunikation nach Außen“, oder so. Vielleicht muss man aber auch am Format etwas drehen – ein Schritt in Richtung Barcamp wäre sicher für das Format etwas zu radikal, aber etwas kommunikativeres als Frontalunterricht mit wenigen anschließenden Wortmeldungen aus dem Publikum dürfte es schon sein. Es wäre schön, wenn vom Forum nicht mehr nur Problembeschreibungen kommen würden, sondern Lösungsansätze. Impulse!

Übrigens habe ich natürlich nicht alle Vorträge und Sessions besuchen können, daher zeichnet sich mein Bild natürlich ausschließlich über meinen persönlichen Eindruck aus den von mir besuchten Veranstaltungspunkten und der Timeline auf Twitter, die unter dem Hashtag #fwk11 eine durchaus amüsante, aber auch kritische Kurzberichterstattung und Diskussion bereithielt. Kollege Henning Krause (@henningkrause) hat übrigens eine Twitterliste zu den (twitternden) Teilnehmern des Forums angelegt.

Abschließend möchte ich den Kolleginnen und Kollegen vom WiD noch einmal für die Organisation danken, die einen guten Job gemacht haben. Für die nächsten Jahre hoffe ich, dass sie das Format noch einmal etwas anspitzen können und aus dem Klassentreffen für Wissenschaftskommunikatoren wieder eine wegweisende Veranstaltung für die Wissenschaftskommunikation machen können!

Update (14.12.): Mittlerweile hat sich an mehreren Stellen eine spannende Diskussion zu vielerlei Aspekten entsponnen. In den Kommentaren zum Blogpost von Christoph (@erklaerfix) disktutierte man eifrig die Frage was eigentlich Wissenschaftskommunikatoren sind und wer sich denn wohl dazu zählen dürfte. Im Blog von Michael Sonnabend und in einem Facebook-Thread von Alex Gerber (Achtung, Link geht zu Facebook) geht es vor allem um die Ausrichtung des Forums im nächsten Jahr. Wenn wir diese Diskussionen forcieren und ins nächste Jahr transportieren können, haben wir etwas wirklich Großes gewonnen!

Kurz verlinkt: Links rund um die Wissenschaft(skommunikation)

Momentan komme ich leider kaum zum Bloggen, das ist irgendwie doof, derzeit aber leider nicht zu ändern. Damit dies hier aber nicht allzu sehr brach liegt, gibt’s heute zum Wochenstart mal ein paar Leseempfehlungen die auch bei mir noch auf dem “Lesen!”-Stapel liegen.

Das Gemeinschaftsblog zu wissenschaftlicher Kommunikation im Netz. lohnt ja immer einen Blick und so ist es auch nicht verwunderlich, dass es mal wieder Lesestoff gibt auf den ich beim Kollegen Heinz Pampel und seinen Mitstreitern gestoßen bin:

Im SciLog Gute Stube des Kollegen Carsten Könneker gibt’s drei monothematische, aber überaus spannende Beiträge zu Lesen. Bei den Lindau Nobel Laureate Meetings gab es eine ganz besondere Interview-Session, quasi eine Art wissenschaftsjournalistischer Rollentausch. Abseits des üblichen Prozederes traf sich dort nämlich eine illustre Runde aus fünf älteren Herren und sechs Doktoranden unter der Moderation vom nature-Kollegen Adam Rutherford. Das besondere daran: der Rollentausch, denn in diesem Interview befragten die gestanden Nobelpreisträger die Jungforschern. Herausgekommen ist ein ungewöhnliches Interview-Experiment, deren Highlights Carsten Könneker in drei Blogposts zusammenfasst (Teil 1, Teil 2, Teil 3).

Dr. Marc Dressler, Wissenschaftler und Journalist widmet sich in einem Beitrag dem Verhältnis von Wissenschaft und Bürgern. In seinem Beitrag “Von wegen demokratisierte Wissenschaft” (pdf) betrachtet er das Verhältnis von Wissenschaftsbürger und Bürgerwissenschaftler. via TELI-Blog

Bleiben wir bei den SciLogs, denn auch von Interactive Science gibt’s Neuigkeiten. Nach der Präsentation der Forschungsergebnisse der vier Teilprojekte des Forschungsverbundes Interactive Science an der Justus-Liebig-Universität Gießen ist nun auch der Sammelband „Digitale Wissenschaftskommunikation – Formate und ihre Nutzung“ erschienen und frei zugänglich. Heruntergeladen werden kann das 324 Seiten starke Pamphlet auf den Internetseiten der Giessener Elektronischen Bibliothek oder über diesen Link. Alle Achtung!

Zum Schluss gibt’s noch den kurzen Hinweis auf den gestrigen Blogpost von Lars Fischer, dem Fazit zu seiner erfolgreichen Online-Petition “Kostenloser Erwerb wissenschaftlicher Publikationen”. Glückwunsch Lars und danke für Deine Initiative!