PuK Lunch Lectures: “Freier Kulturjournalismus”

Am Freitag der vorletzten Woche (21.05.2010) fand die zweite Veranstaltung der Vortragsreihe des Alumni-Netzwerks am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft statt (Thema: Freier Kulturjournalismus als Autoren in Hörfunk und Print: Erfahrungen im In- und Ausland). Bevor wir morgen bereits in die nächste Runde gehen, möchte ich noch die Gelegenheit nutzen und ein bisschen was zur letzten Lunch Lecture loswerden. Als Gäste waren dieses Mal Ute Büsing und Eberhard Spreng geladen. Beide sind Journalisten,  die vornehmlich, aber nicht ausschließlich im Kulturbereich tätig sind.

Bevor ich ein wenig über den Verlauf der Veranstaltung berichte, möchte ich einen kleinen Disclaimer voranstellen: ich bin kein Kulturjournalist, weise also in beiden Bereichen (Kultur und Journalismus) nur relativ generisches Halbwissen vor.

Zu den Personen:

Sowohl Ute Büsing, als auch Eberhard Spreng haben am Berliner Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft studiert, wo sie sich kennenlernten und auch erste Berührungspunkte mit der Medienpraxis erfuhren. Für beide lag die Initialzündung im uniweiten Streik gegen Berufsverbote im Jahr 1976. Ganz im Sinne einer Habermas’schen Gegenöffentlichkeit galt es damals sich aktiv in den Protesten zu beteiligen und darüber aufzuklären, dass die als Kommunisten verrufenen Professoren aus dem Lehrbetrieb entfernt werden sollten. Büsing/Spreng wendeten sich zu jener Zeit von den verschulten und theorielastigen Seminaren ab und u.a. der Tonbandgruppe zu (neben der Streikzeitung und der Videogruppe), die es immerhin schaffte Inhalte in der Sendung „Hochschule und Gesellschaft“ vom öffentlich-rechtlichen Sender Freies Berlin (SFB) zu platzieren. Mit doppeltem Erfolg wie sich herausstellte, denn das Berufsverbot wurde zurückgenommen und die Praxiserfahrung prägte beide nachhaltig.

Ute Büsing sammelte erste berufliche Erfahrung im Kulturjournalismus beim Berliner Stadtmagazin Zitty, wo sie unter anderem die Bürgerinitiativen-Seiten betreute. Weitere Stationen waren Stringer Associated Press, Berliner Allgemeine Wochenzeitung, Tageszeitung, SFB („Hochschule & Gesellschaft“, „Journal in 3“, „Zeitpunkte“), RIAS („Rockjournal“), NDR, SDR, BR. Insgesamt war ihre Arbeit, besonders in den Anfangsjahren, geprägt von gesellschafts- und sozialpolitisch von ihr als relevant erachteten und tatsächlich bedeutsamen Bewegungs-Phänomenen (Anti-AKW, Häuserkampf, Frauenbefreiung, Migration). 1983 ging sie als Auslandskorrespondentin für mehrere Jahre nach New York City und berichtete dort für eine Vielzahl deutscher Medien aus Amerika und erweiterte auch ihren Themenfokus (Musik, Obdachlosen-Problematik, Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner, Politik der Vereinten Nationen). Seit ihrer Rückkehr nach Berlin (1998) arbeitet sie nicht nur für den öffentlichen Rundfunk (z.B. SFB/ ORB, RBB, DW, DLF, NDR, BR, MDR), sondern auch für diverse Printmedien (TIP, Morgenpost) als freie Kulturjournalistin. Sie beschäftigte sich zunehmend mit einem breiteren, gesellschaftlich begründeten Kulturjournalismus. Nebenbei beschäftigt sie sich als Buchautorin (z.B. „Bar jeder Vernunft – die Kunst der Unterhaltung“ Eichborn Verlag).

Seit dem Abschluss des Studiums am Institut für Publizistik an der FU ist Eberhard Spreng als freier Kulturjournalist, Kritiker und Übersetzer in Berlin und Paris für zahlreiche Medien in Deutschland, der Schweiz und Frankreich tätig. Er wirkte daneben künstlerisch an mehreren Produktionen großer französischer Theater mit. Seit 1997 Reisen und Berichte über kulturelle Entwicklungen des arabischen Mittelmeerraums. Von 2000 bis 2002 war er Chefredakteur Deutschland für das europäische Internet-Kulturportal Divento. Seitdem konzentrierte er sich wieder überwiegend auf die Theaterberichterstattung, arbeitet als Kritiker für den Deutschlandfunk sowie als Übersetzer für die Édition de l’Arche, Paris.

Zur Veranstaltung:

Das spannende Duo Büsing/Spreng berichtete zunächst sehr dialogisch (zwischen sich) und unterhaltsam über ihren eigenen Einstieg in die Medienpraxis bzw. in ihr späteres Berufsfeld, den Kulturjournalismus.

Aber was ist eigentlich Kulturjournalismus? Kulturjournalismus dürfte sich am ehesten als Subsystem des Journalismus fassen lassen, welches sich kritisch einem bestimmten Themenkreis widmet – üblicherweise Literatur, Theater, Film, Musik, Kunst und Medien – und dies unter der journalistischen Arbeitsweise (Recherchetechnik, Erzählformen etc.) tut. Stephan Porombka, Juniorprofessor für Kulturjournalismus an der Uni Hildesheim, gibt in seinem Aufsatz für das Handbuch Literaturwissenschaft, Bd. 3: Literaturwissenschaft als Institution (Berufsfelder) eine recht taugliche Ergänzung zur Definition. Er beschreibt Kulturjournalismus als eine „Form des Schreibens, über die unter genau formulierten zeitlichen, thematischen und formalen Vorgaben ‘Gebrauchstexte’ entstehen.” An späterer Stelle betont er wie wichtig es ist, “Interesse an der Kultur im umfassenden Sinn zu entwickeln und von eigenen Recherchen, Beobachtungen und Erfahrungen kompetent erzählen zu können.”

Im Gegensatz zum Kulturjournalismus (oder dem Journalismus allgemein) der 70er und 80er Jahre stehen wir heutzutage allerdings vor stark veränderten Voraussetzungen – das betonten auch beide Gäste. Die meisten Verlage stehen unter enormem ökonomischen Druck, viele haben entsprechend die Redaktionen der einzelnen Ressorts personell und finanziell stark eingeschränkt. Damit hat sich auch die Beschäftigungsstruktur verändert. Viele Journalisten arbeiten als Freie, stehen jedoch vor dem Dilemma, dass sich Beiträge und Artikel nicht mehr so einfach mehrfach verwerten lassen (eine total-buy-out-Diskussion möchte ich an dieser Stelle allerdings nicht vom Zaun brechen). Auch der Zugang für Nachwuchsjournalisten ist nicht einfacher geworden. Heutzutage wird viel eher erwartet im Job direkt und unmittelbar produktiv einsetzbar zu sein, eine lange Einführung oder gar Ausbildung dürften die wenigsten Medienhäuser ihren Journalisten bieten. Das jedoch stellt den Nachwuchs vor das Problem, dass man sich das Wissen um Arbeitsweise, Technik, Produktion etc. weitestgehend bereits vor dem Schritt in die Praxis aneignen muss. Ob dies an der Vielzahl der Aus- und Weiterbildungsstätten wirklich immer gewährleistet ist, ist zumindest fragwürdig (ich schätze, dass viele Hochschulen noch in der praxisbezogenen Ausbildung Defizite aufweisen, während praxisorientierte Ausbildungsträger vielleicht ein Defizit in der methodischen, politischen oder gar gesellschaftstheoretischen Ausbildung defizitär aufgestellt sind). So bleibt den meisten Nachwuchsjournalisten nur der Weg sich sozusagen „on the fly“ die entsprechenden Kenntnisse anzueignen oder sie zu vertiefen. In der Diskussion mit Ute Büsing und Eberhard Spreng kamen diese Punkte an einigen Stellen auf, eine Lösung dafür konnten jedoch beide (erwartungsgemäß) nicht liefern. Dennoch gab es Tipps von den Experten:

  • Früh in die Möglichkeiten des technischen Equipments einarbeiten (der Kulturjournalist ist heutzutage nicht nur Redakteur oder Autor seines Beitrags, sondern auch Cutter oder Produzent)
  • Erfahrung vor dem Schritt in das Praktikum, das Volontariat oder den Job machen – in den Jobs erhält man nur noch selten eine Einführung, hier gilt es produktiv einsetzbar zu sein
  • Sich mit den Dingen beschäftigen, die einen auch inhaltlich interessieren

Während es für den ersten Tipp sicher den einen oder anderen Ansatzpunkt gibt (Seminare in der Uni, Gebrauch im privaten Umfeld, usw.) stellte sich im zweiten Tipp eigentlich die implizite Frage nach dem Königsweg in den Kulturjournalismus (Welcher Weg eröffnet mir denn nun die besten Chancen?). Genau hier gibt es jedoch anscheinend keine favorisierte Lösung. Am besten lässt es sich wohl mit einem simplen Prozessschlagwort beschreiben: „trial and error“. Oder anders gesagt: Schreiben (oder produzieren) was das Zeug hält und versuchen einen „Abnehmer“ für seine Arbeiten zu finden. Somit erlernt man zumindest das Handwerkszeug, findet vielleicht seinen eigenen journalistischen Stil und bekommt ein Gefühl für das Metier. Wie man allerdings seine Arbeiten wirklich „an den Mann“ bringt, konnte auch in der Diskussion nicht abschließend geklärt werden.

Vielleicht hilft an dieser Stelle der zurückliegende, rasante Fortschritt in der Digitalisierung. Während der Lunch Lecture wurde das Spannungsfeld, das durch die Digitalisierung und das World Wide Web entsteht, heiß und vornehmlich kritisch diskutiert. Sicherlich bewirkte es einen tiefgreifenden Wandel der Öffentlichkeit und zum Teil auch die Verwässerung der tradierten Rollenaufteilung zwischen Medienkonsumenten (Leser/Hörer) und Medienproduzenten (Journalist). Heute sind die Konsumenten so aktiv wie die Produzenten und treten damit nicht selten in ein Konkurrenzverhältnis im Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser- oder Hörerschaft. Auch wenn nicht alle Otto-Normalverbraucher so gebildet sind wie die Feuilletonisten, so sind die Informationsvorsprünge nicht mehr länger nur ein Privileg einer kulturellen Infoelite. Der journalistische Anspruch einer umfassenden Aufklärung ist ins Stocken geraten, inzwischen zählt mehr und mehr auch ein gewisser Unterhaltungszwang, dem Journalisten unterliegen, damit sie auch weiterhin in ihrem angestammten Medium publizieren dürfen.

Meines Erachtens bietet diese Entwicklung hin zum „Prosumer“  jedoch auch riesige Chancen für den Nachwuchs. Niemals zuvor war es so einfach sich selbst eine Plattform zum Publizieren zu schaffen, sich auszuprobieren und die Reaktion auf die eigene Arbeit (Beiträge, Artikel etc.) am „lebenden Publikum“ unter realen Bedingungen, oder vielmehr in der realen Umwelt, zu testen. Gerade die modernen Kommunikationsmittel ermöglichen nicht nur die kostengünstige Bereitstellung einer Infrastruktur, sondern bieten darüber hinaus genug Möglichkeiten um auf das eigene Angebot aufmerksam zu machen. Wer dies konsequent nutzt, dürfte meiner Meinung nach durchaus Chancen haben sein „Produkt“ auch in den Aufmerksamkeitshorizont der etablierten Medien (bzw. eher ihrer Personalie) zu bekommen. Gerade solche Möglichkeiten wie z.B. eine Lizenzierung der eigenen Inhalte unter offenen Lizenzen (Creative Commons Share Alike o.ä.) erweitert die Grenzen der Aufmerksamkeit für die eigene Person und Arbeit wiederum um ein Stück und trägt somit zumindest zur eigenen Reputation bei. Womöglich ist dies kein sonderlich tragfähiges Modell, um sich einen konstanten Einkommensstrom zu generieren, aber ein Weg des oben angesprochenen „trial and error“, des Erfahrungen-Sammelns, dürfte es schon sein.

Zum Abschluss dieser PuK Lunch Lecture fiel dann noch ein Gedanke, der recht banal erscheint, aber den Kern der Sache trifft und zumindest interessant für all jene sein dürfte die in den Bereich Kulturjournalismus wollen: Als Kulturjournalist reicht es mitnichten nur den Veranstaltungskalender zu kommentieren, das Herz der Sache liegt noch immer darin die Lebenswelt zu analysieren.

FAZIT:

Der Besuch dieser Veranstaltung lohnt sich nach wie vor! Die Mischung der Gäste dürfte für so ziemlich jede Interessensrichtung innerhalb der Publizistik etwas bieten. Ich kann einen Besuch nur wärmstens empfehlen! Und mit den richtigen, unverblümten Fragen kann man noch einiges mehr aus den Vortragenden „herauskitzeln“ – also, die Chance nutzen!

Eine weitere Gelegenheit dazu bietet sich schon am morgigen Freitag, wenn Christoph Schwab, Head of Research bei Goldmedia Custom Research GmbH, über Medienwirkungsforschung in der Praxis spricht.

An dieser Stelle noch einen ganz herzlichen Dank an Ute Büsing und Eberhard Spreng!

PuK Lunch Lecture “Krisenkommunikation”

Am vorletzten Freitag, den 07. Mai, fiel nun endlich der Startschuss für die neue Vortragsreihe des Alumni-Netzwerks am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, den PuK Lunch Lectures. Leider komme ich erst jetzt dazu eine kurze Zusammenfassung zu schreiben – aber besser spät, als nie.

Die Auftaktveranstaltung dieser gemeinsamen Initiative des PuK-Instituts und des PuK-Alumni-Netzwerks widmete sich sogleich einem schwierigen, aber überaus spannenden Thema: der Krisenkommunikation. Unter dem Titel „Krisenkommunikation als Instrument des Krisenmanagements“ gab Carola Wunderlich, PR-Beraterin und Krisenkommunikatorin, einen interessanten Einblick in ihren Arbeitsalltag, ihr Verständnis von Krisenkommunikation und dem professionellen Umfeld.

Zur Person:

Carola Wunderlich studierte anfänglich in Bochum, bevor sie an die Freie Universität wechselte, um Publizistik mit den Nebenfächern Politologie und Germanistik studieren. In ihrer Magisterarbeit beschäftigte sie sich mit der „Entwicklung der Stadtmagazine in West-Berlin und der Bundesrepublik und ihrer Funktion unter Berücksichtigung ihrer Stellung innerhalb der so genannten Alternativpresse“. Nach ihrer freien journalistischen Tätigkeit für das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ sowie für den NDR in der TV-Sendereihe „Extra Drei“ kehrte Frau Wunderlich 1983 wieder an die FU zurück, um im interdisziplinären Modellversuch „Öffentlichkeitsarbeit“ an der Dokumentation und dem Zwischenbericht, sowie in der Studienberatung des Ergänzungsstudiengangs im Fachbereich Kommunikationswissenschaften mitzuwirken.

In ihren weiteren Stationen in verschiedenen Tätigkeiten – vor allem in den Bereichen Redaktions-, Projekt-, und Öffentlichkeitsarbeit – betreute Frau Wunderlich zunehmend die Öffentlichkeitsarbeit von konfliktträchtigen Projekten im öffentlichen Raum, beispielsweise öffentliche Bauvorhaben wie das Bauprojekt „Bahnhof Potsdam Stadt“ und das Ausbauvorhaben des Frankfurter Flughafens. Bei letzterem Projekt, den Aus- bzw. Neubau der Landebahn Nord-West, war sie für das Berichtswesen im Mediationsverfahren 1998-2000 verantwortlich. Dem Luftfahrtbereich blieb sie bis zum heutigen Tage weitestgehend treu und arbeitete seit 2002 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und als Pressesprecherin für die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV), dem Bundesverband der deutschen Flughäfen. In dieser Tätigkeit verantwortete sie die Medienarbeit, Publikationen und Kongresse, betreute den Fachausschuss Öffentlichkeitsarbeit sowie den Relaunch des Internetauftritts in 2002 und 2004.

Aktuell betreibt Frau Wunderlich ihr eigenes Beratungsunternehmen, das Institut für Krisenkommunikation, und engagiert sich in verschiedenen Vereinen und Ehrenämtern:

  • Deutsche Public Relations Gesellschaft e.V.
  • VICTRESS Initiative e.V. („Excellence knows no gender“)
  • Freunde der Publizistik e.V.
  • FU Berlin – PuK Alumni-Netzwerk

Zum Thema:

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Krisenkommunikation sprechen?

Nun, jedem dürfte klar sein, dass Unternehmen im Licht der Öffentlichkeit stehen, denn sie sind nicht nur Akteure im wirtschaftlichen Sinne, sondern bewegen sich gleichermaßen als Akteure im öffentlichen Raum der Gesellschaft. Gerade in der heutigen Zeit haben sie damit mehr denn je auch soziale und umweltbezogene Aufgaben, an denen sie oftmals von der Öffentlichkeit gemessen werden. Versäumnisse in einem dieser Bereiche – und seien es auch unverschuldete – wachsen sich jedoch schnell zu einer Krise aus, die Image und Bestand des Unternehmens nachhaltig (negativ) beeinflussen und damit gefährden können. Das Meinungsklima ist (besonders großen) Unternehmen gegenüber skeptischer geworden, bisweilen tendiert es sogar in Richtung Ablehnung. Und dies ist nicht nur für klassische „Risikounternehmen“ zu beobachten, wie beispielsweise Biotechnologieunternehmen, Energieversorger oder Mineralölkonzerne, sondern zunehmend auch für Firmen in „normalen“ Branchen. Während manche Manager weiterhin „business as usual“ betreiben, sind für die Unternehmen mit dem veränderten Meinungsklima neue Realitäten entstanden, in denen es gilt mit akut entstehenden, oder auch latent schwelenden Krisen umzugehen.

Als Krisen kann man im Allgemeinen riskante Situationen verstehen, die durch bestimmte Entwicklungen gekennzeichnet sind:

  • sie kommen oft unerwartet und haben zumeist schwere kurz- oder langfristige Folgen
  • sie sind sofort sichtbar und generieren üblicherweise einen enormen Druck in den Unternehmen zu Entscheidungen und (Re)Aktionen
  • sie sind nicht selten ein „gefundenes Fressen“ für die Medien und damit hochgradig gefährlich für das öffentliche Ansehen der betroffenen Unternehmen

Wie schnell Krisen ganze Unternehmen und das entsprechende Top-Management vor überraschende Herausforderungen stellen, zeigen einige Beispiele:

  • Betriebsunfälle, die für Mensch und Umwelt eine Gefahr bedeuten, wie beispielsweise das Leck an einer Ölplattform (aktuell z.B. der Fall „Deepwater Horizon“),
  • Unvorhersehbare Naturereignisse wie der Ausbruch eines Vulkans, der plötzlich ganze Branchen (Luftfahrt, Tourismus) bedroht, weil diese den Betrieb einstellen müssen (aktuell z.B. der Eyjafjallajökull),
  • Datenschutzverstöße, wenn heikle Informationen von Kunden oder Mitarbeitern an die Öffentlichkeit gelangen (aktuell z.B. Vorfälle bei Ruf-Reisen, oder dem SchülerVZ-Netzwerk);
  • Schädliche Mängel an Produkten, die entsprechend zurückgerufen werden müssen (z.B. diverse Kinderspielzeugfälle, Fahrzeugrückrufaktionen)
  • Zögerliche öffentliche Kommunikation, die von der Öffentlichkeit als „Vertuschung von Tatsachen“ wahrgenommen wird (zuletzt beispielsweise in den Störfällen in Kernkraftwerk)

Selbst große Unternehmen werden von solchen Krisen meistens unvorbereitet getroffen. Eine an vielen Stellen ungeschickte öffentliche Kommunikation verschlimmert in nicht wenigen Fällen dann die bestehende Krise sogar noch. Das typische Reaktionsmuster verläuft oftmals vom Schockzustand in eine Abwehr- oder Rückzugshaltung, zum späten Eingeständnis und noch späterer Veränderung und Anpassung.

Krisen ziehen für Unternehmen erhebliche Kosten nach sich, die nicht nur materieller, sondern auch immaterieller Natur sind. Es entstehen Beseitigungs- oder Bekämpfungskosten, Zeitkosten bei der Bindung von Mitarbeiterkapazitäten zur Begleitung der Krisen, Imageschäden und Vertrauensverluste in der Öffentlichkeit sowie die damit verbundenen Einbußen im Absatz, Motivations- und Vertrauensverluste bei den eigenen Mitarbeitern, gegebenenfalls Schadensersatzforderungen und Prozesskosten, und eventuell politische oder gesetzgeberische Auflagen. All dies gilt es eigentlich zu verhindern. Sicherlich gibt es kein Patentrezept, um für Krisen (jeglicher Art) richtig gewappnet zu sein, Frau Wunderlich formulierte jedoch ein paar Dinge, über die man sich im Klaren sein sollte:

  • Die ersten Stunden entscheiden über Tenor und Umfang der publizistischen Krise, und damit oft über das Urteil der Öffentlichkeit
  • Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck
  • Emotionen sind oftmals wichtiger als bloße (harte) Fakten, sie wollen berücksichtigt werden

Tritt dann ein Krisenfall ein ist schnelles und adäquates Handeln das oberste Gebot, das angemessene und schnelle Reagieren unerlässlich. Es gilt Verständnis für die Sorgen und Nöte der Betroffen bzw. der Öffentlichkeit aufzubringen, Verantwortung zu übernehmen und Informationslücken in der öffentlichen Kommunikation zu vermeiden. Besonders in letzerem gilt es schnellstmöglich, bestenfalls innerhalb der ersten Stunde, eine Pressemitteilung herauszugeben und zeitnah eine Pressekonferenz einzuberufen und Leitmedien sowie wichtige Agenturen zu informieren (denn Krisen verlaufen unter einem enormen Zeitdruck). Dabei sollte man besonders die Kommunikation mit den Medien einer medienerfahrenen Führungskraft überlassen. Immer wieder merkt man in Krisenfällen, dass einige Unternehmen schwere Fehler in der Öffentlichkeitsarbeit begehen: sie informieren unzureichend, reaktiv und defensiv, unglaubwürdig und nicht wahrheitsgemäß. All dies gilt es um jeden Preis zu verhindern. Im Zweifel ist es sinnvoller, auch fehlende Erkenntnisse einzugestehen. Frau Wunderlich gab noch ein paar Tipps, die m.E. wichtig sind, aber sich in der Überlegung zu Krisenkommunikation nicht gleich zuallererst aufdrängen. So ist es ratsam bereits im Vorfeld von Krisen Mitarbeiter zu schulen und die Infrastruktur im Krisenfall zu klären. Auch eine Evaluation des gesamten Krisenverlaufs nach der Krise ist eine ratsame Aktion.

Frau Wunderlich stützte ihre Argumente im Laufe ihres Vortrags durch anschauliche Beispiele aus ihrem eigenen Erfahrungshorizont und zog zum Ende der ersten Stunde ein, wie ich finde, sehr eindringliches Fazit und Schlussbemerkungen, die ich hier in Kurzform wiedergeben möchte:

  • „Es versendet sich“ gilt nicht mehr! Das Netz „konserviert“ auch Krisenfälle.
  • Unternehmenskommunikatoren müssen nicht nur Mitglied des Krisenstabes sein, sondern im operativen Krisenmanagement als mitgestaltender Partner akzeptiert sein.
  • Der Trend der Medienberichterstattung zur Dramatisierung in Text und Bild erhöht die Gefahr von Sekundärkrise in der Kommunikation.
  • Gegen die Medien lässt sich keine Krise bestehen. Ohne die Medien und öffentliche Wahrnehmung jedoch auch nicht.
  • Akteure des öffentlichen Lebens erhalten die Berichterstattung, die sie ihrer kompetenten oder auch unprofessionellen Pressestelle – oder vielleicht auch nur sich selbst – zu verdanken haben.

Der gut einstündige Vortrag von Frau Wunderlich gab einen guten ersten Überblick über das Themenfeld und den möglichen Einstieg in die professionelle Krisenkommunikation. Im Anschluss bot sich die ausführliche Gelegenheit für die anwesenden Studierenden und Dozenten des Fachbereichs Fragen zu stellen und einige Themen nochmals tiefergehend zu diskutieren. Die vollständige Wiedergabe würde hier sicherlich den Rahmen sprengen, daher möchte ich nur einige Punkte festhalten, die mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind.

  • In nicht wenigen Unternehmen stehen einer schnellen Reaktion im Krisenfall derzeit langwierige Abstimmungsprozesse im Weg. Es ist nicht selten, dass verschiedene Abteilungen (Geschäftsführung, Rechtsabteilung, Technische Abteilung, PR, etc.) eine Pressemitteilung „abnicken“ müssen oder wollen, bevor diese an die Öffentlichkeit kommt. Hier wäre es bedenkenswert, entweder die Prozesse zu verschlanken, oder gleich interdisziplinäre Krisenteams zu bilden, die uneingeschränkt handlungsfähig sind.
  • In einigen Krisen erscheint das Handeln der betroffenen Unternehmen ausschließlich auf die kurzfristige Reaktion ausgelegt zu sein. Besonders bei Personalentscheidungen (ein Mitarbeiter übernimmt Verantwortung und räumt seinen Posten), zeichnet sich in der öffentlichen Wahrnehmung ein Bauernopfer-Bild. Hier dürfte bezweifelt werden, wie nachhaltig solche Aktionen sind – eine Krise „besiegen“ dürften damit in den seltensten Fällen gelingen.
  • Jede Krise kann sich bei ehrlichem Umgang und positiver Bewältigung durchaus in eine Chance wandeln. Positive Imageeffekte können Unternehmen durch den guten und glaubhaften Umgang mit einer Krise entstehen. Selbst das chinesische Schriftzeichen für „Krise“ setzt sich, wie wir von Frau Wunderlich erfahren haben, aus den Symbolen für Gefahr und Chance zusammen.

FAZIT zur ersten PuK Lunch Lecture:

Der Besuch dieser Veranstaltung lohnt! Selten kommt man wohl so einfach an Personen, die so direkt im Berufsumfeld stehen. Die einführenden Vorträge bieten einen guten Überblick über die Person, das Berufsfeld, mögliche Einstiege in den Job und die Herausforderungen, die dieser mit sich bringt. Ich kann einen Besuch nur wärmstens empfehlen! Eine Gelegenheit dazu bietet sich schon diesen Freitag,  wenn die freien Journalisten Ute Büsing und Eberhard Spreng einen Einblick in das Thema „Freier Kulturjournalismus als Autoren in Hörfunk und Print – Erfahrungen im In- und Ausland“ geben.

An dieser Stelle noch einen ganz herzlichen Dank an Carola Wunderlich!